Mit dem Fahrrad gegen Mobbing

Nach eigener Mobbing-Erfahrung hat Stephan Märker eine ganz eigene Idee zum Umgang damit entwickelt. Um persönlich damit abzuschließen und dabei auch noch etwas Gutes zu tun, fuhr er innerhalb von 24 Stunden am 30.12.2019 mit dem Fahrrad von Hamburg nach Dresden. Für jeden gefahrenen Kilometer der Tour spendet er nun einen Euro für Projektarbeit gegen Mobbing an den Pro Jugend e.V.

Mit dieser ungewöhnlichen Idee möchte Stephan Märker für das Thema sensibilisieren und dazu ermutigen, sich Unterstützung und Hilfe zu suchen, sowie sich Rat zu holen, wenn im eigenen Umfeld Anzeichen von Mobbing erkannt werden. In einem Interview erzählt er, wie sein Projekt bisher verlaufen ist.

 

 

Idee, Planung, Vorbereitung und Durchführung. Erzähl uns von deinem Projekt.

Die Idee zu dem ganzen ist dadurch entstanden, dass bei mir irgendwas passiert ist, was nicht ganz korrekt war. Wo man eben festgestellt hat, dass ich zum Mobbingopfer geworden bin in einer Firma. Danach ist es mir relativ schlecht gegangen.

Entstanden ist die Idee der Aktion, um sich wieder aufzurappeln. Dass man wieder irgendwas machen muss, weil aus dem Mobbing quasi ein Burnout entstanden ist. Burnout heißt ja immer, man hat eine absolute Antriebslosigkeit, die man dann an den Tag legt. Das kannte ich selber nicht von mir. Um das wieder auf die Beine zu stellen, habe ich versucht, durch mein Hobby wieder in die Gänge zu kommen. Das ist das Rennradfahren. Ich hab dann auf auf dem Rennrad gesessen und mir überlegt, was ich alles machen könnte. Und dabei ist entstanden, dass ich gern den Weg von Hamburg nach Dresden fahren würde, weil ich diese Strecke schon mal abgebrochen habe.

 

Warum unbedingt auch mit Unterstützung für Kinder?

Also das hat auch einen ausschlaggebenden Grund gehabt. Wo das bei der Firma schief gelaufen ist und ich zusammen mit einem Kollegen uns selbstständig gemacht haben, wollten wir schon immer mal was für Kinder machen. Damit wir halt nicht diesen dauerhaften Arbeitsstress oder diesen Verdienststress haben müssen, sondern auch mal was für die Allgemeinheit tun.

Eigentlich sollte das Geld, was ich von der Klage gegen meinen alten Arbeitgeber gekriegt hätte, gespendet werden. Dadurch, dass das nicht funktioniert hat, gab es diesen Punkt, dass man dann noch dieses Geld sammelt. So ist die Idee entstanden, dass wir das machen.

Dann eben mit Pro Jugend, weil ich jemanden zur Unterstützung brauchte. Ich glaube, es hätte nicht funktioniert, wenn ich es alleine gemacht hätte.

 

Wie hast du dich auf die Tour vorbereitet ?

Normalerweise hätte man richtig mit trainieren anfangen müssen. Das hab ich wie immer nicht gemacht [lacht]. Ich wusste aber, dass ich es auf jeden Fall schaffe. Ich musste noch jemanden finden, der die Tour mitfährt. Das ist im Winter ganz wichtig. Im Sommer ginge es eher, weil Geschäfte auf hätten und es eben auch länger hell ist, was im Winter bekanntlich ja nicht so ist.

Ich musste schauen, dass das Fahrrad funktioniert und was man an Essen und Getränken für so eine Strecke braucht und Licht. Also das war das komplizierteste, dass man über 14 Stunden dauerhaft Licht am Fahrrad hat.

Die Streckenplanung kam aus dem Internet. Wir mussten die unterwegs auch ein paar mal etwas abändern. Das eine Mal gab es eine Fähre, die im Winter nicht fährt. Da stand meine Begleitung auf der einen Seite und ich auf der anderen. Ja, die Fähre fuhr nur bis Oktober und es war Dezember [lacht]. Wir mussten die Fahrradstrecke ein paar Mal verlassen, weil es mit dem Rennrad nicht mehr machbar war. Geplant waren 470 Kilometer. Schlussendlich rausgekommen sind wir dann bei 509 Kilometern.

 

Nach der Vorbereitung kam dann der Tag X. Wie war das?

Wir sind am 30.12. um drei Uhr aufgestanden und um vier dann mit dem Auto von Naundorf losgefahren nach Hamburg. Ich hatte mir den "Michel" rausgesucht. Das kleine Wahrzeichen, was ich auch ein bisschen mit meinem Beruf verbinden kann. Dort ging es dann Punkt zehn Uhr mit dem Glockenschlag los. Die ersten dreißig Kilometer waren fast nur "Stadtgefahre". Man musste viel auf das Navi schauen. Hier abbiegen, dann wieder dort hin fahren. Und dann ging es schön auf die Landstraße bis zum Elberadweg. Das war ein Traum.

Einen besseren Tag hätte man für die Jahreszeit nicht kriegen können. Die Temperatur war nie unter null Grad, auch nicht in der Nacht. Es gab Sonnenschein und einen herrlichen Sonnenuntergang an der Elbe.

Wir haben den Elberadweg verlassen, als es dann ins Havelgebiet ging, wo es dann auch Nacht wurde. Dort konnte man das erste Mal richtig abschalten. Dort war kein Mensch mehr. Man fährt dann durch die Elbauen. Das ist wahnsinn. Man muss nur aufpassen, dass man keine Rehe oder Hasen überfährt.

Das hat auch alles sehr gut funktioniert. Ich bin die Nacht gut gefahren. Und die Ruhe, das war wirklich toll, also dass keiner um einen herum ist. Ich hab auch die ganze zeit Musik gehört, was mir dann sehr geholfen hat.

 

Was für Musik lief da?

Alles Mögliche. Das, was du gerade brauchst. Mal muss man was Ruhiges hören, wenn man gerade ziemlich K.O. ist. Oder man braucht was, um wieder in den Tritt reinzukommen. Das ist ein bisschen von der eigenen Verfassung abhängig.

Cool war, dass einen viele auch nachts begleitet haben. Die haben mir bis in die Nacht rein geschrieben und gefragt, wo ich bin und wie es mir geht. Das hat mir extrem geholfen.

In der Früh kam dann noch meine Mutter und der Holger mit dem zweiten Auto. Was dann hinten raus auch sehr gut war, weil dann das schlechte Wetter aus dem Westen kam, mit teilweise sehr starkem Gegenwind. Da haben wir ein Auto vorweg fahren lassen und ich bin im Windschatten hinterher gefahren. So konnte ich den Schnitt zwischen 33 und 36 km/h halten. Alleine ist man sonst fast zehn km/h langsamer.

 

Wie hält man eine so lange Tour durch, ohne zu trainieren?

Ich denke, ich habe einerseits gute körperliche Voraussetzungen. Meine ganzen Körpermaße stimmen gut zum Fahrradsport. Und dann würde ich sagen, zu circa fünfzig Prozent ist so eine Tour Kopfsache. Ich würde heute sogar behaupten, fast achtzig Prozent ist das Kopfsache und zwanzig Prozent ist körperliche Fitness. Gerade in dem Bereich, in dem ich das betreibe. Auch dass viele geschrieben haben, oder dass ich das Gefühl hatte, die machen da mit und das bewegt auch viele, war genau das, wo ich mir dann gesagt hatte, ok ich fahre jetzt weiter.

Als wir in Dresden auf dem Theaterplatz gut angekommen sind, war ich einfach froh, dass ich da war. Egal ob man jetzt fünfzig Kilometer fährt oder hundert, oder fünfhundert, man fokussiert sich auf das Ziel. Wenn man es erreicht, dann fällt alles ab.

 

In welchem Moment hattest du dann die Verknüfung gespürt zwischen dem Abschluss der Tour und dem Abschluss mit deienr Mobbingerfahrung?

Ich brauchte erstmal kurz Schlaf und dann kam es. Jetzt geht einem keiner mehr aufs Schwein. Jetzt kann man einfach sagen "pass auf, so ist das". Und ich weiß, ich will das und das und das. Es gab ja auch viele Stimmen, die gesagt haben "muss das überhaupt sein, wieso muss man sich selber sowas beweisen?". Ja, es musste sein. Ich bin der ganz festen Meinung. Und ich würde auch jedem raten, so etwas zu machen.

 

Wie soll es jetzt für dich weitergehen? Die Tour ist abgeschlossen. Betrachtet man dein Anliegen im Ganzen, dann war die Tour aber ja "nur" eine Etappe.

Jetzt steht die Sache mit Pro Jugend auf dem Plan. Ob man das gespendete Geld für Präventionszwecke nutzen kann und ob ich das mit begleiten kann. Es muss ja nicht nur um Mobbing gehen. Es gibt ja viele Themen, die man mit anschneiden kann, die auch bei mir zur Ursachenforschung geführt haben, warum das jetzt überhaupt mit jemandem passiert. Ich denke, das könnte vielen helfen, um nicht selbst solche Erfahrungen machen zu müssen. Vielleicht auch, um gar nicht erst als Mobbingopfer dazustehen. Ich würde gerne persönlich viel mit begleiten, weil mir das auch sehr am Herzen liegt. Ich denke, ich kann jetzt relativ gut darüber reden. Gerade im Bezug auf Jugendliche und junge Erwachsene. Die Tour hat für mich eine Herausforderung dargestellt und sich eine solche zu suchen und sich der dann zu stellen, das kann ich jedem empfehlen. Seit der Tour bin ich wie ausgestauscht.

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